Archiv für die Kategorie ‘Momentaufnahmen’

Es ist tatsächlich so weit. Amazon hat Buch immerhin schon einmal gelistet. Noch scheint es nicht auf Lager zu sein, aber es kann nun wirklich nicht mehr so lange dauern. Immerhin ist nächste Woche die erste Lesung in der Weissen Maus.
Dementsprechend veröffentliche ich hier und mit stolz geschwellter Brust noch einmal den Direktlink zu amazon :

St.Pauli – eine kritische Liebeserklärung

Würde mich ja total freuen, wenn ihr das Buch gut findet. *OMGichhoffeichfindedasauchgutdennichhabedasbuchjanochnichtindenhändengehabtichbinaberganzgutenmutes*

 

 

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Ich kann nicht anders, ich muss darüber berichten.
Am vergangenen Wochenende startete der erste Kunstclub in der Hopfenstrassen-Nachbarschaft.
Beginnend mit Freitagabend und dem Einstieg in die Ikonographie  (keine Angst, ist keine Krankheit) und der lockeren Analyse von „Las Meninas“ von Velàzquez, sollte es dann am Samstag-Mittag weitergehen und zwar mit einem Besuch der Hamburger Kunsthalle. Auf den Spuren von Vanitas-Symbolen und Christlichen Allegorien …

Es ist Samstag, 12 Uhr. Wir treffen uns zwischen den Hausnummern 15 und 16. Bester Dinge und sehr gespannt begeben wir uns auf den Weg zur U-Bahn. Am Hauptbahnhof angekommen, geniessen wir noch die klassischen Klänge, um dann aber auch durch das schon schwer herbstliche Wetter die Kunsthalle anzustreben. Die Hamburger Kunsthalle … ja eigentlich das Museum, wenn man denn die Lust verspürt, Kunst zu betrachten. Erhaben, ja erhoben ragt die Architektur am Hauptbahnhof ihr Haupt. Leicht völkisch in Sandstein und Kuppel präsentiert der erste Anbau sein Antlitz den vorübereilenden Passanten. Völkisch – wie passend zum Tage der Deutschen Einheit -denke ich noch so bei mir. Wir also streben zum Eingang. Dort nun steht leicht fröstelnd, denn der Herbst zeigt in Hamburg schon seit ein paar Tagen sein erbarmungsloses Gesicht, ein Mitarbeiter dieses Staatsgebildes, um service-und kundenorientiert allen um Einlass bittenden Besuchern mitzuteilen, dass dieser Eingang heute nicht zur Verfügung stehe. Denn hier wird ein Fest gefeiert. Ein großes Fest zum 90ten Geburtstag eines großen Gönners – also Mäzen, dieses Hauses. Man möge doch bitte den Eingang der Galerie der Gegenwart nutzen. Noch sind wir ja gut zu Fuss und schreiten fröhlich beschwingt Richtung – wie mein Vater immer gern sagt – Kühlcontainer. Nun denn, es gibt deutlich misslungenere Bauten. Die Rampen des Sockels nutzend treffen wir auch auf die letzten beiden teilnehmenden Damen, geben unsere Jacken ab und begeben uns Richtung Kasse.
„Hallo wir sind zu siebt. Gibt es Gruppenpreise“
„Nein, haben wir nicht“  Leicht stutzend. Nun gut. Aus der Gruppe wird noch eingeworfen: „Ich bin Seniorin“
„Dann hätten Sie gestern kommen können, dann hätten Sie noch ein Stück Kuchen bekommen.“
Herrgott. Die Dame hat Humor. Innerlich beginne ich jetzt schon zu grummeln. Was ich übrigens seit meiner ersten Besuche dieser heiligen Halle immer tue. Und ich war schon wirklich oft hier. Mein Studium der Kunstgeschichte erlegte mir das quasi auf. Ich also grummle so in mich hinein. Einige Damen der Gruppe haben noch ihre Handtaschen bei sich, wild diskutierend ob die denn nun größer oder gar kleiner seien, als das Feld bzw der Kasten der zur Taschengrößenkontrolle an jeder zweiten Ecke steht. Taschengrößenkontrolle? Also grundsätzlich dürfen nur Taschen mit hineingenommen werden, die eben nicht größer sind, weil man ansonsten wohl Bilder klauen könnte oder so … Damen geben ihre Handtaschen ja ungern ab. Denn in ihnen befindet sich ihr halbes Leben und damit meine ich nicht Geld und Handy. Es geht um Notfallmedikamente, Make-Up, Spiegel, Bürste, Kalender, Nähzeug, Werkzeug, Ersatzstrumpfhosen. Mir geht es genauso, habe aber schon vor Jahren den Kampf mit dem Einlasspersonal aufgegeben. Ich bin also taschenlos. Meine Mitstreiterinnen wollen nicht so schnell aufgeben und quetschen zur Anschauung ihre Taschen in die Kästen, um zu demonstrieren, dass die da natürlich reinpassen. Ganz leicht. Aber der Herr an der Tür hat Erfahrung und kennt alle Tricks. Ich höre sein hämisches Lachen, lauthals, schallend, spottend. Ich Wirklichkeit sagt er natürlich einfach nur: „Die müssen Sie abgeben“. Aber er würde lachen, wenn er es dürfte. Bestimmt. Also grummle ich mittlerweile nicht mehr allein. Wir schreiten in die Galerie der Gegenwart, um den kürzesten Weg Richtung „Alte Kunsthalle“ einzuschlagen. Also ein Stockwerk runter in das Sockelgeschoss. Beschilderungen hat man hier nicht nötig. Hier sind noch wahre Forscher gefragt. Wir finden die Richtung aber -strebsam wie wir sind- allein. Durch den Sockel, vorbei an leeren Kammern. Irgendwie alles im Umbau. Spontan vermisse ich etliche Installationen, die ich seit Jahren kenne. Egal – alles im Wandel und heute wollen wir ja auch zu den alten Meistern. Am Fusse der alten Kunsthalle angekommen, will ich die Gruppe eigentlich die Treppe hoch (an Jenny Holzer vorbei) Richtung Liebermann-Café leiten. Doch Stopp. Wieder ein fleißiger Geselle. „Sie müssen den Fahrstuhl nehmen.“ Das Liebermann-Café ist ebenfalls von der Veranstaltung belegt.
Ok. Der Fahrstuhl. Schon komisch. Aber nun denn. Wir stehen also artig an. Der Fahrstuhl kommt, öffnet seine Türen.
Gepflegte drei Quadratmeter laden uns ein. Ein Schild verspricht, hier sei Platz für 10 Personen bzw. 800 kg. Ich rechne spontan und denke so bei mir, dass der Durchschnittsbesucher wohl recht schwer ist, grundsätzlich aber nicht viel Platz in Anspruch nehmen darf.  Wir betreten den Fahrstuhl dann besser nur zu siebt und es ist schon recht eng. In dieser Phase werden wir sicher ein Stockwerk höher gebracht. Bester Dinge – Fast am Ziel, noch eine Treppe und schon sind wir in den Ausstellungsräumen. Allerdings nicht da, wo wir eigentlich hinwollen.
„Entschuldigen Sie, der kürzeste Weg zu den Alten Meistern?“ Der Herr in Livree zeigt nach rechts. Ich – von Natur aus eher hektisch – renne schon los. Nächster Raum. Mmh – geht nur weiter nach rechts. Also rechts rum. Da geht es auch nur nach rechts. Danach auch und huch … Ich stehe dem Herren erneut gegenüber. Ich will ihn gerade anpflaumen, so wie das meine Art ist, da muss ich hören: „Ich wollte Ihnen gerade noch sagen, dass im nächsten Raum links eine Tür ist, durch die Sie durchgehen müssen. Doch da waren Sie schon weg.“ Verdammt, da bleibt mir doch mein Grummeln im Halse stecken. Ein Danke bekomme ich nun aber prinzipiell nicht über die Lippen. Also noch einmal nach rechts … tatsächlich, da ist eine Tür. Die konnte man ja gar nicht erkennen. Ich hole mir ein wenig Zuspruch aus der Gruppe für meine geprügelte Seele und bemängele, dass man hier ja auch mal ein Schild hätte aufhängen können. Und so ganz falsch – geneigte Leser – liege ich damit jawohl nicht. Ich möchte hier nun wirklich nichts anderes hören. Nun verläuft unser Ausstellungsbesuch für die nächsten 1,5 Stunden recht ungestört. Als dann die Hälfte der Gruppe immer mehr Sitzpausen macht, schlagen wir den Weg zurück ein. Und der ist ja auch recht aufwendig. Wieder die Treppen runter und vor dem Fahrstuhl einfinden. Da stehen ganz schön viele Leute. Ist ja Feiertag. Geht man ja gern ins Museum. Ist auch nicht so ungewöhnlich. Erwähnte ich schon, dass der Fahrstuhl nicht zu den größten seiner Gattung gehört? Und erwähnte ich auch, dass es wirklich nur einen gibt? Lustigerweise befindet sich direkt neben dem Fahrstuhl eine Außentür. Durch die Glasscheibe ist die Galerie der Gegenwart zum Greifen nah. Mein Versuch, diese Tür zu öffnen, wird aber so direkt vehement und ruppig vom anwesenden Personal kommentiert, dass ich mich vor mir selbst erschrecke. Also Abbruch der kriminellen Handlung und weiter angestanden.Die Fahrstuhl ruckelt. Die Tür öffnet sich. Er ist nicht größer geworden. Wir schreiten hinein. Nun sind wir zu acht zzgl. eines Säuglings. Eine Dame aus unsere Gruppe verzichtet aufgrund eines unguten Gefühls darauf, zu testen, ob nicht doch 10 Personen hineinpassen. Die Tür schließt sich. Er fährt an. Ruckel, Ruckel, Schluss. Er steht. Einfach so. Äh. Ich drücke auf Knöpfe. Nix.
Beherzt drücken wir den Alarmknopf. Ein paar Sekunden vergehen. Dann:
„Ja“
„Wir stecken fest.“
„Wo denn?“
„Im Fahrstuhl“
„Wo denn?“
„Na im Fahrstuhl der Kunsthalle. Hier irgendwie zwischen alter und neuer.“
„Ok. Ich sag jemanden Bescheid“. Das ist ja schon einmal ganz prima. Stellt Euch mal vor, er hätte gesagt „Na und“ ..
Wir sind also bester Dinge, dass uns hier schnellsten geholfen wird. Weil in so einem Haus gibt es natürlich einen Haustechniker Marke MC Gyver, mit TÜV-Siegel und vielem mehr. Ist ja normal – oder?
Nach 10 Minuten ist allerdings noch nicht viel mehr passiert, als dass von außen irgendwie geklopft wurde. Der Säugling ist entzückenderweise  still vergnügt. Nur, es ist echt verdammt eng und hui es wird warm. Sehr warm. Wenn Körper aneinander reiben, ist das ja auch nicht ungewöhnlich. 15 Minuten. Wir drücken dann noch mal den Alarmknopf. Wäre ja schön, wenn man mal was hört. „Ja?“ – „Hier auch Ja. Was ist denn jetzt?“ – „Ist denn noch keiner da, der Sie beruhigt?“ – „Nein, vor allem würden wir hier gerne raus. Und zwar SCHNELL“ – da legt der auf. Hammer. Tja, was will man tun. Handyempfang gibt es natürlich sowieso nicht. Die Nervosität steigt. Der Vater des Säuglings wünscht sich allerdings Ruhe. Ich wünsche mir Sauerstoff. Ein Schnaps mit Sauerstoff wäre auch gut. 20 Minuten. Nichts. 25 Minuten. Knacken „Ich melde mich gleich nochmal und sage, wann der Notdienst kommt.“ Häh? Habe ich das richtig verstanden. Nach 25 Minuten, als erste Ansage. Er meldet sich, wann jemand kommt? Wir haben mittlerweile gefühlte 45 Grad und echt nicht viel Sauerstoff. Dem Säugling ist mittlerweile ein Großteil seiner Kleidungstücke entfernt worden. Besser ist. Ich würde gerne sitzen. Haben Sie schon einmal ein liegendes Würstchen in einer Dose gesehen? Tja Würstchen haben es auch nicht leicht. 30 Minuten. Knacken. „Der Notdienst kann erst um 17 Uhr. Ich habe dann jetzt die Feuerwehr gerufen, die kommen gleich“. 17 Uhr? Es ist geht 14.45. Was ist denn das für ein Notdienst. Und warum hat dieses Haus keinen eigenen Mc Gyver? Egal. Feuerwehr. Einfach raus hier. Die hätte der Typ am anderen Ende dieser komischen Notleitung ja nun auch gleich rufen können. Der hat doch nicht 30 Minuten hinter einem Notdienst hinterher telefoniert? Die Feuerwehr ist dann tatsächlich  5-6 Minuten später da und 2-3 Minuten später ist die Tür offen. Wir hängen zwar so halb im Geschoss, es reicht aber, um runter zu klettern. Jetzt wird mir bewusst, wie wenig Sauerstoff wir zur Verfügung hatten. Mein Kreislauf schreit hurrah. Wie ein Wackelpudding, werden wir von einer Dame in Livree zur Lobby der Galerie der Gegenwart gebracht. Ich bin ein wenig sprachlos – und das passiert mir wirklich nicht oft. Dort angekommen, haben sich meine Synapsen leicht wieder erholt und ich rechne eigentlich mit einer adäquaten Wiedergutmachung. Irgendwie etwas nettes. Für die Seele. Einfach jetzt ein gute Gefühl bekommen. Jemand, der sich ein bißchen kümmert und Betroffenheit zeigt. Eine Entschuldigung. Ach irgendwie so etwas. WIr kommen also an. „Sie bekommen Ihren Eintritt wieder“ – Ok das ist nett. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber ein Anfang. Aber eigentlich will ich vor allem als erstes sitzen. Ein Schluck Wasser wäre toll. Doch nicht ein Sitzplatz lockt, sondern erst einmal erneut eine Schlange. Denn nur an dem Counter kann man seinen Eintritt wieder bekommen. Ich bin nun doch ein wenig irritiert. Dennoch nehme ich die Euro 8.50 (im Austausch zu meinem Ticket, sonst natürlich nicht). Zusätzlich bekommen wir noch jede einen Gutschein für Kaffee und Kuchen. „Den können Sie im Bistro einlösen.“ Und Tschüss. Weg. Keiner mehr da. Wir gucken uns alle schwer irritiert an, gehen aber trotzdem Richtung Bistro; denn ein Sitzplatz und kurze Ruhe scheinen einfach viel zu verführerisch. Das Bistro platzt aus allen Nähten. Sitzplätze können wir uns nur Stück für Stück zusammenklauben. Bis wir sitzen, ist gefühlt eine Ewigkeit vergangen. Der wirklich sehr freundliche Kellner, hat noch nie diese Gutscheine gesehen. Er arbeitet seit vielen Jahren hier. Offensichtlich sind Filterkaffee mit Mohnkuchen aus der Tiefkühltruhe  in diesem Hause etwas so Besonderes das nur im Falle von knapp entgangenem Kreislaufkollaps, Krankenhausaufenthalt, Tod  oder ähnlichem ausgegeben wird. Beachtlich. Wir bekommen unsere Gutscheine trotzdem eingelöst und schlürfen recht sprachlos und erschöpft.
Könnte ich aus der Handlung „Kopfschütteln“ einen Satz bauen, würde er hier stehen.
Und doch werden wir dieses Haus wieder betreten müssen. Trotz Überteuerung, Unfreundlichkeit und faktischem Dilletantismus … nur wenn dort irgedwann jemand mich wieder in einen Fahrstuhl schicken will, fange ich einfach gleich an zu schreien.
Grummeln bringt ja nix.